(kurzer geschichtlicher Abriss aus dem Buch „Gräfinthal – ein Wilhelmitenkloster im Bliesgau von Alfred Mayer 1990)

Über die Gründung des Klosters Gräfinthal liegen leider keine Urkunden vor. Doch wird heute allgemein anerkannt, dass Gräfinthal im Jahre 1243 von der Gräfin Elisabeth von Blieskastel gestiftet wurde, wie es die Steintafel am Westportal der Kirchenruine heute noch anzeigt.
Wohl hatten die Blieskasteler Grafen eine besondere Zuneigung zu dem Nachbarkloster Wörschweiler. Dass Elisabeth daneben ein eigenes Kloster erbauen ließ, geht sicher auf die Heilung ihrer Augenkrankheit durch das „wundertätige Marienbild“ zurück.
Die Erbauung einer Kapelle zur Aufnahme des Gnadenbildes und die Herrichtung einer Behausung für die Wilhelmitenmönche erforderten keine größeren Anstrengungen, zumal die Bauern des Landes voll Freude alle Arbeiten leisteten, um dem Muttergottesbild, dem schon zu Anfang herrliche Wundertaten zugesagt wurden, eine würdige Stätte zu bereiten. Die Wilhelmiten selbst hatten ja auf dem Berge droben in Hütten gehaust und waren als Bettelmönche mit einfachen Holzhäusern zufrieden gestellt.

Die in Gräfinthal in der Ordensgemeinschaft der Wilhelmiten lebenden Mönche zeichneten sich von den anderen Ordensgeistlichen unserer Heimat durch ihre Kleidung aus. Das Kleid der Wilhelmiten war nämlich von weißer Farbe – im Gegensatz zu dem schwarzen Gewand der Benediktiner von Hornbach oder der Zisterzienser von Wörschweiler. Wegen dieses weißgrauen Ordenskleides hießen die Wilhelmiten im Volksmund die „Weißmäntel“. In allen Aufstellungen über die Wilhelmitenklöster in den deutschen Landen rangiert Gräfinthal an vorderer Stelle. Doch war der Konvent nicht sehr groß. Man zählte im ganzen Mittelalter nur acht Ordensmitglieder in Gräfinthal, von denen einer der Prior, also der Obere im Konvent war. Von den übrigen sieben waren immer zwei der Ordensbrüder in den von Gräfinthal inkorporierten Pfarreien Blickweiler-Blieskastel und Bliesmengen-Bolchen angestellt.

In dieser Zeit wallfahrtete die bäuerliche Bevölkerung oft nach Gräfinthal. Hier konnten die Bauernfrauen ihre Sorgen der Gottesmutter vortragen, sie konnten die Mönche um ihr Beten in allen Sorgen und Nöten bitten. Denn gerade die Marienverehrung hatten die Wilhelmiten in ihren Predigten und Andachten dem Volke nahegebracht. So manches „Opfer“ wurde der Gottesmutter dargebracht. Dem Kloster waren durch Spenden, durch Vermächtnisse kinderloser Bauernfamilien, durch Verkauf von fälligen Gülten wie Getreide und Wein mancher Gulden zugeflossen. Die Schätze des Klosters vermehrten sich von Jahr zu Jahr. Davon merkte der einzelne Konventuale wohl wenig, da er alles Geld, das er draußen erhielt, dem Prior aushändigen musste. Er hatte das Gelübde der Armut abgelegt und besaß selbst kein eigenes Vermögen. Im Konventgebäude waren ihm Kammer zum Schlafen und eine heizbare Stube eingerichtet, wo er studieren, meditieren und beten konnte. Somit konnte das Kloster mit dem eingenommenen Geld Land erwerben oder sogar ein ganzes Dorf, wie z.B. im Jahre 1521 das Dorf Hüglingen bei Ormesheim.

Doch es blieb nicht aus, dass das Kloster feindlich überfallen wurde. So u.a. in den Jahren 1365/75 und 1420. Im Jahre 1420 wurde das Kloster durch Brand in Asche gelegt. Dabei ist auch die umfangreiche Bibliothek mit ihren Urkunden vernichtet worden. Auch während dem Bauernkrieg 1525 wurde Gräfinthal ebenso wenig wie die anderen Klöster weitum, verschont. Alle Gebäudlichkeiten, Konventgebäude, Kirche, Scheune und Stallung wurden ausgeraubt. Den Mönchen selbst wurde kein Leid zugefügt. Einen schweren Schicksalsschlag erlitt Gräfinthal bei der Gefangennahme des Priors Michael Hartmann am 3. Oktober 1592 durch etliche Freibeuter. Sie raubten seine Kammern aus – Bargeld, Kleider, Getüch nahmen sie an sich. Das Kloster verlor dabei sechs Pferde, seine Innenausstattung wurde verwüstet und zur Auslösung des Priors aus der Gefangenschaft musste das Kloster 450 Gulden aufbringen.

Auch der 30-jährige Krieg 1618 bis 1648 verschonte unsere Gegend und das Kloster nicht. In der ersten Zeit ist unsere Heimat von den Kriegsgeschehen verschont geblieben. Doch in den Jahren 1631/32 kam das Unheil immer näher, da in der Pfalz die Schweden und Franzosen sich mit den Kaiserlichen und Spaniern schlugen. Im darauffolgenden Jahr brach der Herzog von Lothringen die bisher eingehaltene Neutralität ab und stellte sich gegen Frankreich auf die Seite des Kaisers. Gräfinthal, mit dem lothringischen Umland, stand nun schutzlos gegen die Einfälle der Franzosen da, die das Herzogtum Lothringen besetzten. Weder die Franzosen noch die Truppen des Herzogs machten in der Folgezeit einen Unterschied zwischen Freund und Feind und hausten im Land mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen. Zweimal geriet das Kloster in Brand: im Jahre 1635 und 1640. Dieser Krieg brachte Gräfinthal an den Rand des Untergangs. Am Ende des Krieges war unsere Gegend ein weithin leergebranntes Trümmerfeld. Über das Elend dieser Zeit berichtete Pfarrer Touba im Buch „Die Wilhelmiten in Gräfinthal“ eingehend und gibt an, dass Saargemünd von 1636 bis 1642 menschenleer war und in den nächstfolgenden Jahren nur 10 bis 12 Bürger hatte.

Land und Volk zerstört! Wie konnte in einer solch traurigen Lage an den Wiederaufbau gedacht werden? Und doch ging vom Kloster Gräfinthal der erste Impuls zur Neuerung aus. Draußen im Land sah es noch wüst aus, aber in Gräfinthal waren die ersten Mönche aus Bruderkonventen eingekehrt, hatten mit Hilfe der wenigen Bewohner der Gegend Stein um Stein herbeigetragen und zunächst die Konventgebäude wieder errichtet. Schon im Jahre 1669 konnte der Metzer Bischof Georges d‘Aubusson de La Feuillade bei seiner Inspektionsreise durch das Bliesland sich vier Tage lang in Gräfinthal aufhalten. Ein Zeichen, dass dieser Ort wieder bewohnbar war.
Als dann im Jahre 1697 im Frieden von Rijswijk der Herzog von Lothringen seine Stammlande wieder erhielt und der neue Landesfürst Herzog Leopold alle Kräfte aufbot, um sein Land wieder hochzubringen, war auch für Gräfinthal die Zeit gekommen, sich aus den Trümmern des vergangenen Jahrhunderts zu erheben. Die Dörfer ringsum wurden nach und nach wieder besiedelt und ihre Pfarrer waren Mönche aus Gräfinthal, welche die Bewohner hin zur Gottesmutter von Gräfinthal führten.

Unterstützt wurde diese neue Blütezeit des Klosters durch den früheren Polenkönig Stanislaus Leszzynski. Er hatte von seinem Freunde, Karl XII. von Schweden, das Herzogtum Zweibrücken zu seinem Sitz erhalten. Um seine religiösen Pflichten als Katholik zur erfüllen, ist er immer nach Gräfinthal gezogen, wo er sich um den Neubau der Klosterkirche verdient machte. Stanislaus stellte dem Kloster seinen Architekten Jonas Erikson Sundahl zur Verfügung, stiftete das Bauholz für den mächtigen Kirchenbau und war allezeit ein eifriger Verehrer der Muttergottes mit den Pfeilen. Diese Verehrung griff auch auf die ganze Familie Leszzynski über, so dass die Tochter Anna nach ihrem frühen Tode im Jahre 1717 in der neuen Klosterkirche, die zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau war, bestattet wurde.

Nach und nach entstanden weitere Neubauten im Klosterbereich. Den Wiederaufbau des Klosters schildert Pfarrer Touba:

„So hat denn endlich nach bitterlanger Verödung und Verwilderung unter der friedlichen Regierung Herzogs Leopold (1697-1719) und seines Sohnes Franz III. (1729-1737) Gräfinthal sich nach und nach erholt, seine baulichen Schäden verbessert, eine schöngestaltige Kirche, neue Kloster-und Wirtschaftsräume erhalten. Zeugen dieser Osterfreude sind, wie gesagt, die den letzten endgütigen Ruin weit überlebenden Daten: Das älteste 1709, befindet sich über einer Scheune des nördlichen Hofberings. Auf dem Giebelfeld einer in das ehemalige Kloster führenden Eingangstür prankt ein mit einer Grafenkrone geziertes Wappen inmitten der Jahreszahl 1714. Über dem nebenstehenden Kirchenportal lesen wir das Entstehungsjahr 1719. Am Scheunentor des Hauses hinter der Gastwirtschaft Aug. Wulfinghof, das gothische Fenstergesimse an Ost- und Nordseite hat, befindet sich die Jahreszahl 1723. Nach gleicher Beurkundung ist das Anwesen von Wwe. Nik. Selzer 1732 und der mit gleichem Wappen, wie oben, aber in ovaler Form gezierte offene Torbogen daneben, im folgenden Jahr 1733 entstanden.“

So hat Touba die heute noch in Gräfinthal vorhandenen Jahreszahlen aufgelistet. Er hat nur die Zahl 1723 auf einem weißen Sandstein am Torbogen des sog. Brauhauses übersehen, daneben aber Jahreszahlen, die heute verschwunden sind, beachtet, so die Zahl 1719 in dem Rundbogen des alten Kirchenportales, die im letzten Kriege, März 1945, durch eine feindliche Granate herausgesprengt wurde. Auch erwähnt er die Jahreszahl 1709, die beim Umbau des Hauses Sehn über dem Scheunentor wieder zum Vorschein kam.

Mitten in den Aufbau der Klosterherrlichkeit brachen Zeiten der Not und des Elends ein. Die Jahre 1770, 1778, 1779 und 1783 waren Zeiten großer Hungersnot. Auch der Rückgang der Moral führte dazu, dass am 24. November 1784 der Erzbischof von Trier alle Prozessionen von mehr als einer Stunde Entfernung vom Gnadenort verbietet. Gräfinthal war im 18. Jahrhundert der letzte Konvent von Wilhelmitenpatres auf deutschen Boden. Seine Prioren waren zugleich Provinziale der flandrischen Ordensprovinz. Da aber die Orte der flandrischen Provinz über 200 km entfernt waren, war eine Verbindung zwischen den Bruderkonventen in Flandern und in Gräfinthal sehr schwierig. Zudem mussten die Novizen von Gräfinthal zumeist im Ausland studieren, sie beherrschten die deutsche Sprache sehr unvollkommen und waren daher bei uns nicht für die Seelsorge auf den Dörfern einzusetzen. Im Frühjahr 1785 reiste der damalige Prior Dresse nach Rom, um Verhandlungen über eine Auflösung des Klosters zu führen. Diese Verhandlungen zogen sich in die Länge, denn der Papst und seine Berater prüften die Umstände, welche zu einer Aufhebung eines jahrhundertealten Mönchkonventes führen sollten, recht gründlich. Maßgebend war wohl in Rom auch die Bitte der Reichsgräfin Marianne um Übertragung der Ordensgemeinschaft von Gräfinthal nach Blieskastel.

Am 24. November 1785 schlug für das Kloster Gräfinthal die Todesstunde. An diesem Tag unterzeichnete Papst Pius VI die Bulle, welche die Auflösung des Wilhelmitenklosters Gräfinthal und seine Umwandlung in ein Chorherrenstift verfügte, das unmittelbar dem römischen Stuhl unterstellt war. Es trug den Namen „Blieskasteler St. Sebastianus Collegiat Stift“.

Bis zum 16. November war in Gräfinthal die Inventur der Güter abgeschlossen. Über den gesamten Klosterbezirk war nach einer Absprache zwischen dem Blieskasteler Hofrat Schmelzer und dem Geometer Voydeville einerseits und dem Prior Dresse und dem Procurator Carl Hager andererseits eine Ausmessung vereinbart worden: Man hatte den ganzen Distrikt begangen und in Augenschein genommen. Doch wurde erst am 7. September 1786 die Aussteinung vorgenommen. Die Steine trugen gegen den Klosterbezirk die Zeichen „KB“ und auf der anderen Seite die Zeichen „MBB“ (Menger und Bolcher Bann) dazu die Jahreszahl 1786. Zudem hatte man die geometrische Zeichnung der Brüder Sundhal aus dem Jahre 1733 hinzugezogen. Nach abgeschlossener Überprüfung wurde am 22. November 1786 die Übergabeakte unterzeichnet. Einige Tage später nahmen die Mönche das Gnadenbild vom Altare ab und legten es in eine Kutsche. Unter Begleitung von zwei Konventualen wurde es in aller Stille nach Blieskastel gebracht, wo es zunächst in der Pfarrkirche St. Sebastian aufgestellt wurde. Etwa am 27. November 1786 verließen die letzten Mönche ihr angestammtes Kloster. Mit Gräfinthal war das letzte Wilhelmitenkloster in Deutschland untergegangen.

Nach umfassender Sanierung wird das Kloster am 24.06.2017 wieder eröffnet.